· 

Sokrates - Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert

Seit sehr langer Zeit, vermutlich seit dem Abitur, hatte ich kein philosophisches Buch mehr gelesen. In diesem Fall hat mich der Untertitel neugierig gemacht - wer möchte nicht "die Angst vor fast allem verlieren"?

Das Lesen empfand ich streckenweise als anstregend, wie gedankliche Klarheit eben mühsam sein kann. Und als Philosophin muss Autorin, eine amerikanische Philosophie-Professorin namens Agnes Callard, ihre Thesen gut belegen, was für mich manchmal nicht so spannend war.

Sehr spannend fand ich beim Lesen dagegen, festzustellen, dass die sogenannte "sokratische Methode" mir eng verwandt erscheint mit den sogenannten Zwiegesprächen, wie sie von Michael Lukas Moeller in dem Buch "Die Wahrheit beginnt zu zweit" beschrieben werden. Ich glaube, dieser Titel hätte Sokrates gefallen. Denn seine Methode der Wahrheitsfindung besteht darin, sich im Dialog mit einem Mitmenschen auf die Suche zu begeben nach Antworten auf "unzeitgemäße Fragen". So nennt Agnes Callard Fragen nach grundlegenden Aspekten unseres Lebens, die wir gerne vermeiden, weil sie uns ängstigen. Fragen wie "was ist ein gutes Leben" oder "was passiert mit uns, wenn wir sterben?" gehen wir typischerweise aus dem Weg, sowohl als Individuen wie auch als Paare. Wann haben Sie zuletzt ihre wichtgsten Bindungspersonen gefragt "findest du dein Leben erfüllend?" oder "hast du Angst vor dem Tod? Was glaubst du, was dann mit deiner Seele passiert?"

Meistens denken wir, wenn überhaupt könnten wir uns im stillen Kämmerlein mit solchen Fragen beschäftigen. Anges Callard beschreibt, dass Sokrates es für unmöglich hielt, sich alleine mit wesentlichen Lebensfragen gewinnbringen auseinanderzusetzen, weil wir unsere eigene Ausweichstrategien kaum durchschauen können. Wir brauchen ein Gegenüber, dass uns im Gespräch herausfordert und ehrlich hinterfragt. Das erscheint mir nah dran an Psychotherapie, wo es auch zentral um Reflexion bzw. die Aufhebung von Verdrängung geht. Auch Sokrates scheint diese Art von Gespräch nur gelegentlich gelungen zu sein in dem Sinne, dass beide Gesprächspartner bereichert und mit einem Zugewinn an Klarheit im Hinblick auf wesentliche Fragen des Lebens aus dem Gespräch hervorgingen.

Und wenn Michael Lukas Moeller sagt "Die Wahrheit beginnt zu Zweit" ist das keine Garantie, sondern aus meiner Sicht eher als Möglichkeit zu verstehen, dass man sich zu Zweit auf einen Weg begeben kann, sich mit wirklich bedeutsamen Themen zusammen zu beschäftigen. Was dabei "herauskommt" wissen wir vorher nicht.

In diesem Zusammenhang erscheint mir wieder einmal die Ausssage "Zeitmangel ist nicht das Problem, sondern die Lösung" äußerst treffend. Wir hetzen lieber von einem To-do zum nächsten, als innezuhalten und uns zu fragen, warum wir das alles machen, ob das uns wirklich entspricht, ob das wirklich zu einem guten Leben führt.

Ich glaube, den Ausfrührungen von Agnes Callard entnehmen zu können, dass Sokrates seine philosophischen Gespräche, wenn es denn einen Gesprächspartner fand, der sich ihnen stellte, als verbindend erlebte. Die Beziehungseffekte werden allerdings nicht ausdrücklich thematisiert. Diese stehen bei Michael Lukas Moeller dagegen im Fokus im Hinblick auf Zwiegespräche, die man ja nicht nur im Rahmen von Liebesbeziehungen, sondern z. B. mit Freunden führen kann. Meiner Erfahrung nach lassen sich wenige Menschen auf dieser Abenteuer ein. An dem Buch von Agnes Callard gefällt mir auch sehr gut, dass sie lebensnah beschreibt, wie verständlich unser Respekt vor den grundlgegenden Lebensfragen ist. Es kann uns nämlich sehr verunsichern, wenn wir scheinbare Selbstverständlichkeiten, auf denen wir unser Leben aufbauen, infrage stellen. Seit der Lektüre dieses Buches fühle ich mich ermutigt, öfter einmal "unzeitgemäße Fragen" zu stellen. Mein Mann hat davon einige Kostproben bekommen und hat tatsächlich geantwortet, statt, wie einige von Sokrates` Zeitgenossen, wegzulaufen. Für mich fühlt sich das tatsächlich ein bisschen befreiend an. Und etwas entängstigend, zu merken: die Welt geht dann gar nicht unter! Und meine Ehe auch nicht ;-)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0